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Die Wahl der Qual der Generation Y

Wahrscheinlich gibt es genauso viele Artikel über die Generation Y wie Artikel, die mit dem Satz beginnen: „Über die Generation Y gibt es so viele Artikel.“ Dennoch schreibe auch ich jetzt auch noch einen Beitrag über dieses  Thema. Da ich dieser Generation angehöre, ist es mir ein persönliches Anliegen nicht über diese Generation, sondern von ihr zu berichten. Was ist also eigentlich das Problem dieser viel analysierten Generation? Man sagt, noch nie hatte eine Generation so viel Möglichkeiten und Freiheiten, doch anstatt zu wählen, quälen sie sich mit nicht wählen. Viele verlieren sich in der Vielzahl der Möglichkeiten und machen alles ein bisschen, aber nix wirklich. Oder sie tun einfach so, als hätten sie gar nicht die Wahl, und sind frustriert mit der einmal getroffenen Wahl. Die vorhergegangenen Generationen haben dieser Generation die Freiheit geschenkt, doch das Problem ist, die Bedienungsanleitung wurde nicht mitgeliefert, keiner scheint mit der neuen Freiheit umgehen zu können. Wie das neue Spielzeug funktioniert, muss erst selbst herausgefunden werden.

Als Ypsiloner wird man schon früh mit der Vielzahl an Wahlmöglichkeiten konfrontiert: angefangen bei der Studien- oder Ausbildungswahl; wo man leben will; wie man sich ernähren will: vegetarisch, vegan, frutarisch, flexitarisch, Paleo, Paleo-vegan, high carb, low carb, metabolic, clean-eating oder dirty-eating; auch was man anziehen will oder mit welchem Medium man kommunizieren will: Telefon, E-Mail, SMS, WhatsApp, Facebook, Messenger, Instagram, Snapchat, Twitter, Xing, LinkedIn, Telegramm, Chokotelegram, Rauchzeichen oder Brieftaube; mit wem man zusammen oder befreundet sein will und wer seine Familie sein soll; welches Fortbewegungsmittel man nehmen will; welchen Beruf man ausüben will und so weiter. Die Vielzahl der Möglichkeiten scheint unendlich.

Es erscheint wie ein Schlaraffenland. Das Schlaraffenland der Möglichkeiten. Es gibt nur eine Bedingung, die man erfüllen muss, um das Schlaraffenland auch genießen zu können: Man muss sich entscheiden! Sich festlegen. Denn wer alles machen will, endet im Wahnsinn. Denn alles zu machen ist unmöglich, vor allem nicht gleichzeitig. Und da geht das Problem los! Wissenschaftler haben festgestellt, dass wenn man mehr als sechs Wahlmöglichkeiten hat, es oftmals dazu führt, dass man keine Wahl trifft. Mehr Wahlmöglichkeiten sind zwar attraktiv, kosten aber auch mehr „Entscheidungsenergie“. Wer früher zwischen sechs unterschiedlichen Telefonen wählen konnte, muss heute zwischen gefühlt 100 verschiedenen wählen. Es ist gar nicht mehr möglich, alle zu vergleichen, und es kostet viel mehr Zeit und Gedanken, sich festzulegen. Ich erinnere mich, mal gelesen zu haben, dass Steve Jobs‘ Kleiderschrank deshalb aus nur gleichen Klamotten bestand, damit er morgens ein paar Entscheidungen weniger treffen musste.

Hinzu kommt häufig die Angst, etwas zu verpassen. Was, wenn ich mich auf eine Sache festlege und dann etwas anderes, viel Besseres verpasse? Nur was, wenn man sich auf nix festlegt und dadurch alles verpasst? Wer am Bahnhof steht und sich für keinen Zug entscheidet, da er keine Stadt verpassen will, verbringt sein Leben am Bahnhof. Die Angst, etwas zu verpassen, wird mittlerweile sogar als Krankheit bezeichnet: „FOMO“, „Fear of missing out“. Was ich schwierig finde. Denn etwas als Krankheit zu titulieren, hat immer den bitteren Beigeschmack der Machtlosigkeit. Als wäre man Opfer dieser Krankheit und bräuchte Mitleid, da man ihr hilflos ausgeliefert ist.

Der Ypsiloner braucht kein Mitleid. Das wäre, wie das Kind vorm Süßigkeitenregal zu trösten, weil es sich nicht entscheiden kann, was es nehmen soll. Das Problem ist nicht die Vielzahl der Wahlmöglichkeiten, sondern sich nicht festlegen zu wollen. Warum fällt es vielen so schwer, sich festzulegen? Sich einmal für eine Süßigkeit zu entscheiden, bedeutet ja nicht, dass man sich beim nächsten Mal nicht für eine andere entscheiden kann. Im Laufe seines Lebens hat man dann zwar vielleicht nicht alle Süßigkeiten ausprobiert, aber viele, und das ist immer noch mehr als keine. Warum machen wir uns mit Nichtentscheiden das Leben schwer? Warum quälen wir uns mit Nichtfestlegen?

Ein Grund, den ich immer wieder beobachte, ist der „Bedeutungsdrang“: „Gib Deinem Leben einen Sinn.“ Liest man immer mal wieder. Das hört sich erst mal sinnvoll an, bis man an den Punkt kommt und sich fragt: Ja, nur welchen Sinn gebe ich ihm? In einer Zeit und Gesellschaft, in der es wenig zu rebellieren zu geben scheint. Die Band Kraftklub singt in dem Song „Zu jung“:  „Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellieren? Egal wo wir hinkommen, unsre Eltern warn schon eher hier. Pornos, Gruppensex – alles schon mal da gewesen“. Welchen Sinn gebe ich also meinem Leben, wenn alles irgendwie schon da gewesen zu sein scheint? Was, wenn ich meinem Leben keinen Sinn gebe oder vielleicht den falschen, ist mein Leben dann sinnlos? Bei mir löst der Satz eher Widerstand aus, als dass er mich inspiriert, da er impliziert, dass es auch sinnloses Leben gibt, und das geht in eine ganz schräge Richtung.

Die Frage ist eher: Was will ich mit meinem Leben anfangen? Unabhängig davon, ob es jetzt besonders bedeutend ist. Denn wer kann schon beurteilen, was sinnvoller ist: eine Familie zu gründen oder das nächste iPhone zu entwickeln? Es ist genauso sinnvoll, Gärtner zu sein wie Präsident, Mutter wie Geschäftsfrau. Vielleicht ist eine neue Rebellion ein erfülltes Leben (ohne schlechtes Gewissen) zu führen. Das hört sich erst mal trivial und egoistisch an, doch wer sagt denn, dass ein erfülltes Leben zu leben nicht heißt, dass andere davon nicht profitieren können? Was, wenn man sogar nur erfüllt ist, wenn es nicht nur um einen selbst, sondern auch um andere geht? Und dass ein erfülltes Leben nicht trivial, sondern eine große Aufgabe ist, sieht man ja daran, dass so wenige erfüllt sind.

Es gibt genug zu rebellieren, man muss nur genau hinschauen und seine Zeit nicht mit der Sinnsuche vergeuden. Sich lieber darauf festlegen, was man will und was man kann, und darauf zu scheißen, ob es jetzt besonders innovativ oder weltrettend ist. Und vor allem sollte es einem völlig egal sein, was andere darüber denken und ob man mit dem, was man macht, bei manchen als narzisstischer Ypsiloner gilt. Es ist übrigens nicht belegt, dass diese Generation narzisstischer ist als irgendeine zuvor. Unsere Großeltern hatten nur einfach kein Instagram.

Eine weitere Herausforderung der Generation Y ist die „Instant-Illusion“, wie Simon Sinek erfasst hat. Vieles kann man heute per Knopfdruck bekommen: Egal welchen Film oder welche Serie, man kann sie sofort bei Netflix und Co anschauen, jede Musik bei Spotify instantly runterladen und Amazon liefert mittlerweile schon am selben Tag. Warum dann nicht auch Erfolg auf Knopfdruck? Die Suggestion, dass man alles ganz easy sofort erreichen kann, führt sich in den sozialen Medien weiter. Das Leben der Blogger und Influencer sieht super leicht aus. Man muss nur ein paar Fotos posten und bekommt Geld dafür. Ich habe mal ein paar Blogger kennengelernt, selten habe ich so hart arbeitende Menschen getroffen. Das gleiche in der Start-up-Szene. Man liest nur von den Erfolgen, doch nur drei Prozent der Start-ups sind erfolgreich. Man sieht nur die Erfolge, selten das Commitment und Durchhaltevermögen, dessen es bedarf, um erfolgreich zu sein. Steve Jobs wurde aus seiner eigenen Firma geschmissen und anstatt aufzugeben, hat er eine neue gegründet. Selbst im neuen Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten braucht es nicht weniger Durchhaltevermögen und Commitment als in irgendeiner anderen Zeit zuvor. Auch das ist kein Grund für die Ypsiloner, zu jammern, denn der Vorteil ist, der Weg zum Erfolg ist zwar immer noch steinig, aber Du kannst ihn Dir selbst aussuchen.

Die Generation Y braucht kein Mitleid, ein wenig Empathie würde manchmal allerdings auch nicht schaden. Denn jede Generation wird angeprangert und jede Generation scheint immer schlimmer als die vorherige. Aus dem Blickwinkel der vorherigen Generation sind die Probleme der heutigen Generation nur schwer nachzuvollziehen. Jede Generation hat ihre ganz eigenen Herausforderungen, bedingt durch die Zeit, in der sie lebt. Da ist nicht Ignoranz, sondern Empathie gefragt, wie Ursula Merz schreibt: Wer diese Generation nicht ernst nimmt, nicht mit Vorsicht und Respekt zu begreifen versucht, sondern als brave Bausparverträgler und blasse Facebook-Maniacs abtut, muss einen Mangel an politischer Verantwortlichkeit bei sich selbst suchen.“

Als guter Ypsiloner habe ich mich auch eine Zeit lang gequält mit der Vielzahl an Möglichkeiten. Bis ich gemerkt habe: Ich habe zwar unendlich viele Wahlmöglichkeiten, wenn ich allerdings erfolgreich sein will, ist die einzige Wahl, die ich nicht treffen kann, nicht zu wählen. Und beim Festlegen darauf zu achten, dass man sich nicht ablenken lässt von der Angst, sich falsch zu entscheiden oder etwas zu verpassen, oder von dem Irrglauben, etwas wahnsinnig Bedeutendes machen zu müssen oder was besonders Cooles. Freiheit bedeutet, die Wahl zu haben, und die größte Befreiung ist, zu wählen.

© Anna Craemer

Photo: Nectar & Pulse

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